Neuigkeiten 2020
Gedanken zum Schulstart
„Jedem Ende wohnt ein Anfang inne“ Wie ein Ende kam es vielen Menschen vor, als Deutschland vor nunmehr 5 Wochen in den sogenannten „Lock down“ ging.
Plötzlich gab es keinen Fußball mehr, keine Kino- oder Kneipenbesuche, keine Street Festivals, aber auch der Besuch bei den Großeltern, normales Einkaufen zum Beispiel von Lebensmitteln oder Schuhen und eben auch der Schulbesuch wurden von einem Tag auf den anderen von der Regierung – aus gutem Grund – verboten.
Ältere Menschen erinnern die leeren Regale und die greifbare Verunsicherung aller Beteiligten an dieser fast klinischen Situation an den Krieg. Junge Menschen empfinden die Situation als anstrengend, als einen massiven Einschnitt in die Freiheit, in der sie leben und aufgewachsen sind und schwanken zwischen Angst und Langeweile. Selbst der Schulbesuch, der doch bei so manchem Schüler gelegentlich für Unmut oder zumindest für das Gefühl der lästigen Pflicht sorgt, gehört zur Normalität und wird plötzlich schmerzlich vermisst. Denn keine Schule bedeutet den Abbruch vieler sozialer Kontakte zu Freunden, zu Mitschülern, zu Lehrern und allen anderen, die am Schulleben beteiligt sind oder auch Angst, inhaltlich den Anschluss zu verlieren.
Das Ende der Normalität kam absehbar aber dennoch abrupt. Die Schulen, so auch die Europaschule Rheinberg, mussten sich also Möglichkeiten einfallen lassen, den Schulbetrieb digital aufrecht-zu erhalten, den Kontakt zu den fast 1100 Schülern und Eltern nicht zu verlieren und dafür zu sorgen, dass dieses als Ende empfundene Ereignis ein Anfang sein kann. Die Nachteile, die wir alle in dieser Pandemie empfinden, die mit „social distancing“ und dem immer noch bestehenden Kontaktverbot einhergehen, wurden viel besprochen und liegen auf der Hand.
Außer schulischen Schwierigkeiten gibt es in vielen Familien große Anspannung, weil jemand krank war oder ist oder weil Eltern ihren Arbeitsplatz verloren haben, um nur einige Probleme zu nennen.
Aber es gibt auch sehr viel Positives zu berichten. Die Europaschule hatte bereits vor der Pandemie jedem Schüler eine Schul-E-Mail-Adresse eingerichtet, über die – nach anfänglichen Schwierigkeiten- mittlerweile reger Informationsaustausch stattfindet. Wie viele andere Schulen bietet die ESR über diesen Kanal und über MOODLE Lernpakete an und hat Online-Angebote namhafter Anbieter für die Schüler freigeschaltet.
„Der Zauber des Neuanfangs“ (um Hermann Hesse hier zu zitieren), liegt aber in den vielen zwischenmenschlichen Formen der Kommunikation, die sich daraus ergeben haben. Schüler haben sich bereits vor der Pandemie immer ausgiebig über Socialmedia-Plattformen ausgetauscht. Das geschieht auch weiterhin und in Zeiten von Kontaktverboten sicher noch viel intensiver. Aber in den unzähligen Klassengruppen werden nun keine Sticker mehr gebastelt, um Mitschüler auf den Arm zu nehmen, stattdessen gibt es jetzt aktive Tauschbörsen von Arbeitsergebnissen. Schüler, die dies immer schon getan haben oder solche, die sonst nicht unbedingt miteinander gearbeitet hätten, bieten gegenseitige Hilfe an, treffen sich online auf Skype, Dischord oder Teamspeak und besprechen ihre E-Learning Aufgaben. Chemieaufgaben werden zum Beispiel im Austausch gegen Geschichte oder Mathematik angeboten - inklusive der Erklärungen. Die Krise verbindet gemischte Gruppen von Schülern in einem deutlich größeren Ausmaß als noch vor 5 Wochen. Sie haben alle eines gemeinsam: Sie sitzen in dieser außergewöhnlichen Situation alle im selben Boot.
Das Netzwerk der Schüler hat sich zudem auch über den jeweils eigenen Jahrgang und die Grenzen der Schule hinaus vergrößert. Melvin L. (17 J.), geht in die EF und sagt: „Wir haben uns ja immer schon online in Arbeitsgruppen zusammengefunden, aber seit wir keinen regulären Schulbetrieb mehr haben, nutze ich meine Kontakte zu Schülern, die bereits in der Ausbildung sind oder zu einer anderen Schule gehen, mit denen ich sonst nur zusammen online spiele, auch zur Erledigung meiner Aufgaben. Alle haben zurzeit dieselben Probleme und alle helfen sich gegenseitig. Schule ist bei allen meinen Freunden ein Thema, egal in welcher Phase der Ausbildung sie sich befinden.“
Das Ausgehungert-Sein nach Sozialkontakten und vielleicht auch die Erkenntnis, dass der fehlende Unterrichtsstoff nicht einfach ausfallen wird, setzt Energien frei und verändert Perspektiven. Die Rückmeldung der betroffenen Schüler, in der Feedbackabfrage, die die Schule regelmäßig zu Evaluationszwecken startet, ist durchweg positiv. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, die mit einer Überlastung der Server einherging, läuft E-Learning gut an der ESR. Selina meint: „Wir haben ein viel stärkeres Gefühl der Eigenverantwortung, seit wir gar nicht mehr zur Schule gehen.“ Sie ist ebenfalls, Schülerin der EF. „Wenn kein Lehrer online ist und man keinen Freund fragen kann, gibt es das ausführliche Selbstlernmaterial, das die Lehrer uns zur Verfügung gestellt haben und damit kann man sich dann eben selber Antworten suchen.“
Angenehm wird auch von vielen Schülern wahrgenommen, dass jeder nun wirklich im eigenen Rhythmus lernen kann. E-Learning ist die perfekte Lösung für Langschläfer.
Seit Montag hat die ESR ihre Online-Kommunikationskanäle erweitert und allen Lehrern und Schülern einen Zugang zu Microsoft Office 365 zur Verfügung gestellt, der auch Online-Telefon-Meetings möglich macht. Einige Lehrer haben so Unterricht im virtuellen Klassenraum gestartet, andere haben eigene Lernvideos aufgenommen und diese an die Schüler geschickt, um komplizierte Sachverhalte zu erklären.
Schüler, deren Familien elektronisch nicht so gut aufgestellt sind, werden zudem mit Lernangeboten analoger Art versorgt. So hat unter anderem die Abteilung 1 der ESR ihren Schülern Lernpakete mit Aufgaben zum selbstständigen Lernen und Lösungen kopiert und zur Abholung bereitgestellt. Die Schüler, die keine Gelegenheit hatten, sich Material in der Schule abzuholen, bekamen dieses sogar nach Hause gebracht. Die Lehrer der Abteilung haben zusammen mit der Abteilungsleiterin Abholstellen an der Schule definiert und Abholzeiten oder Tür-zu Tür Service vereinbart, sodass alle Hygienemaßnahmen eingehalten und Schüler trotzdem regelmäßig versorgt werden konnten.
Wenn man sich nicht täglich sieht, sind Fotos ein Weg „sich nicht aus den Augen zu verlieren.“ Die Schüler der Klasse 5 b zum Beispiel haben ihrer Klassenlehrerin Fotos geschickt, auf denen zu sehen ist, wie sie mit dem Materialpaket arbeiten. Daraus ist eine sehr schöne Fotocollage geworden, die an alle Schüler der Klasse geschickt wurde.
Die Lehrer der ESR hatten eine ähnliche Idee, 78 Lehrkräfte haben sich zu einer Wort-Bild-Collage zusammengefunden und ihren Schülern bildliche Grußworte geschickt mit besten Wünschen für die kommende Zeit.
Am Donnertag ist es nun soweit. Die Schulen öffnen wieder. Und obwohl dieser Schulstart auf der einen Seite mit viel Freude, einander wiederzusehen und der Normalität wieder den Weg zu ebnen verbunden ist, schwingt auch Angst mit. Die Schulleitung der ESR hat viele Fragen von besorgten Eltern und Schülern bekommen. Sie zeugen von Angst sich selbst anzustecken, aber auch von großer Rücksicht auf Familienmitglieder. Diese Ängste werden sehr ernst genommen, daher beginnt nach einer intensiven Vorbereitungsphase der Donnerstag auch erst einmal mit Klassenlehrerstunden, mit Informationen zu Prüfungen und der Eingewöhnung in die neue Situation.
Die Schulleitung hat zusammen mit Vertretern der Stadt und den Lehrern, die am Donnerstag starten, alle hygienischen Vorgaben anhand einer Checkliste abgearbeitet, Klassenräume vorbereitet und Lernmaterialien zusammengestellt. Eine Sozialpädagogin ist bereit, Schülern oder Kollegen beizustehen, wenn sie mit der Situation nicht klarkommen.
Bei allem Unbehagen über die neue Situation überwiegt bei den Lehrern die Freude, die Schüler endlich wiederzusehen. Und ebenso überwiegt bei allen Sorgen, die viele Eltern haben, der Wunsch, zurück ins normale Leben zu gehen. Die Vorbereitungen und Vorsichtsmaßnahmen der Schule kommentierten sie mit Dank und Erleichterung. „ Ich selber bin seit über 30 Jahren Krankenpflegerin“, kommentierte die Mutter eines Schülers, „ich arbeite selber als Teamleiterin in einem Altersheim. Danke und großen Respekt an die Lehrer, die das jetzt alles vorbereiten.“
Auch wenn es viele andere denkbare Lösungen für den Neubeginn gegeben hätte: Die Europaschule Rheinberg hat alles Mögliche getan, um den 24. April 2020 für alle Beteiligten so gut wie möglich zu organisieren und zu einem möglichst stressfreien Start in die neue Normalität mit Corona Viren zu machen.

